Kampf gegen Web 2.0 und der Social-Niedergang
Immer öfter findet man Kritik am aktuellen Design-Trend der Web 2.0-Blase. Sogar "kleine Widerstandsbewegungen" an Webdesignern formieren sich mittlerweile neu zu einer eigenen Form von Communities, die nun versuchen die Grundelemente der neuen Generation an Websites kritisch zu hinterfragen. Interessant, beginnt nun ein neuer Umschwung oder schon die Web 3.0 Blase ?
Nun, in der Tat man muss durchaus eingestehen, dass der aktuelle Design-Trend optisch fast schon ein wenig erschöpft ist. Beinahe alle Plattformen verfügen über glänzende und spiegelnde Logos, oft mit dem obligatorischem "Beta"-Zusatz, einer Headerleiste und einem Farbschema, das schon auf den ersten Blick erahnen lässt, dass es sich hier entweder um eine Social-Plattform oder eine interaktive Online-Ajax-Anwendung mit Registrations-Möglichkeiten handelt.
Wer oft in den Weiten der virtuellen Informationswelt unterwegs ist, zudem selber auch noch Webseiten gestaltet und auf der Suche nach Inspirationen ist, hat sicherlich schon eine Art von schleichender Frustration erlebt - ausgelöst dadurch, dass das Basis-Design sich an drei Gesichtspunkten orientiert. Ein großes Logo, zwei oder drei Spalten und da und dort abgerundete Kanten. Wer etwas völlig neues kreieren will, tut sich mittlerweile wahrlich schwer. Denn der Web 2.0 Look, auch wenn er immer mehr im Kreuzfeuer der Kritik steht, hat eine Sache an sich, die man nicht vergessen sollte - die "Benutzungs-Evolution" durch die User.
Wie das gemeint ist? Nun, vorbei sind die Zeiten nunmal, in denen Webdesigner so etwas wie Götter waren, vorbei sind die Zeiten, wo Webseiten aus Tabellen zusammengeschustert und die Formatierungen direkt in den HTML-Code eingebunden wurden. Gestalterisch gibt es heute eigentlich kaum noch Grenzen, CSS nach belieben, Grafiken im Vorder- und Hintergrund, Layerschichten, Ajax und JavaScript-Animationen, Slideshows, und vieles mehr. Alles beeinflusst durch die Community "WWW". Denn anno dazumal gehörten chaotische Webseiten zum Surferalltag, Informationen, Menüs, Bilder und dergleichen war kaum User-gerecht aufbereitet - und genau dies hat sich durch die Web 2.0 Social-User-Welle stark verändert. Beinahe alle neuen Seiten legen Wert auf eine einfache Bedienung, schnelle Ladezeiten und einem klaren Content-Interface. Goldene Zeiten also für den User… gleichzeitig eine Schwierigkeit für Designer, denn an nun mittlerweile erprobten Layouts neu rütteln zu wollen, gefällt kaum einem Auftraggeber oder hat den Beigeschmack von Risiko "werden meine User überhaupt ein anderes Design noch verstehen oder wirkt es befremdend und abschreckend?".
Elliot Jay Stocks hinterfragt in seinem Blog-Eintrag den vorherrschenden Trend. Und ich selber schwanke zwischen einem hin und her… Warum? Ist es denn wirklich so schlimm, wenn Seiten ähnlich aufgebaut sind? Sind die spiegelnden, abgerundeten Logos nicht eher eine reine Geschmackssache, erfüllen aber trotzdem gut ihre Funktion ? Sind zwei- oder dreispaltige Layouts so unpraktikabel oder einfach die ideale Grund-Form, um einen Content optisch und inhaltlich "mundgerecht" aufzuteilen? Ich denke, das Hauptaugenmerk sollte nach wie vor auf dem Inhalt an sich liegen und sich auch wieder stärker darauf konzentrieren. Das schönste oder das chaotischste, künstlerisch angehauchte, Interface bringt kaum etwas, wenn der Inhalt schwach oder der User überfordert ist. Die Normal-User der neuen Generation haben ja so etwas wie eine Evolution beim Design bewirkt und dabei kristallisieren sich Grundelemente heraus, die einfach funktionieren. Also eigentlich eine positive Entwicklung.
Kurz und gut, der Web 2.0 Look muss meiner Meinung vielleicht nicht bekämpft, sondern eher der Inhalt gefördert werden. Das Design unterliegt sowieso einem natürlichen "gefressen und gefressen" werden, dazu bedarf es keiner eigenen Anti-Bewegung. Andererseits, Fische die gegen den Strom schwimmen, erreichen oft mehr - allerdings welcher "andere" Weg wäre dies bei der Aufbereitung von Daten im virtuellen Raum in dieser neuen Generation? Wenn dann sollte schon etwas völlig neues kommen. Einfach 4-Spalter anzupeilen oder minimalistische, weiße WhiteSpace-Sites werden es ja vermutlich auch nicht sein.
3-D lautet vielleicht der eine oder andere Vorschlag. Nun, kurz vorher beim Zahnarzt, blätterte ich etwas gedankenlos durch eine der österr. Wirtschaftszeitungen (leider keine Ahnung mehr welche es genau war) und darin fand sich ein interessanter Artikel rund um virtuelle Social-Communities. Das Paradebeispiel Second-Life, welches immer mehr gegen den Besucherschwund zu kämpfen hat und sich dabei auch als Fiasko-Investitionsblase herauskristallisiert, ist vielleicht das beste Symbol für überzogene Erwartungen an das mehr-dimensionale User-Netzwerk. Einerseits ist die Zahl der interaktiven User gestiegen, genauso wie die Masse der Blogs, aber deren Bedeutung oder besser gesagt "Benutzung" ist offensichtlicher wesentlich geringer als allgemein angenommen. (Wer z.B. nicht selber bloggt, liest auch selten die der anderen, dies ist leider die traurige Realität.) Laut der Zeitschrift und einer Statistik verbringen Second-Life-User übrigens gerade mal ~12 Minuten im Monat im virtuellen Raum und die meisten davon auch nur deswegen um "Geschäfte" abzuwickeln. Um die österr. Variante Papermint ist es z.B. auch wieder still geworden in den Medien, zumindest kenne ich in meinem Umkreis niemanden, der es verwendet (gibt es da Erfahrungsberichte?). 3-D-Communities - der falsche Weg für "Web 3.0" bzw. neue Wege/Generationen und einer neuartigen, visuellen Umsetzung?
Ist also die "2.0-Welt" in einem Umbruch oder hadert man vielleicht eher ein bisschen daran, dass die Entwicklung in Wirklichkeit einfach nur (schon länger) steht? Werden Investitionen in den wechselhaften Online-Markt zukünftig vermehrt kritischer betrachtet und auch weniger oder noch kurzlebiger? Was oder wo ist der Ansatz für Neues, sowohl im Design als auch in der Umsetzung generell? Gibt es wieder eine Rückkehr zu überladenen, chaotischen Webseiten oder geht die Richtung zu gänzlich reduzierten, reinen Text-Seiten ohne allzuviele Funktionen? Vorschläge, Ideen und Eure Gedanken sind willkommen… oder auch Beispiele für eine eventuell neue Richtung!
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